Bücker 181
mit 4 Panzerfäusten oder 3 Bomben

Ein Bericht von Josef Steinweg

 

Nachdem die Flugzeugführer-Schulen am 5. Juli 1944 wegen Spritmangel geschlossen wurden - ich stand kurz vor der Umschulung auf die Ju 88 - komme ich nach mehreren Zwischen-Stationen in Prag, Brandenburg-Briest, Altengrabow und Quedlinburg am 7. April 1945 nach Perleberg an der Elbe.
Dort werden gerade zwei „Panzer - Bekämpfungsstaffeln" aufgestellt, um die von allen Seiten anrückenden feindlichen Panzer aus der Luft abzuschießen. Wer mag nur auf die Idee gekommen sein, dafür unser kleines Schulflugzeug „Bücker 181" einzusetzen? Man denkt an Kamikaze¬Flieger in Japan, die sich inzwischen unter Selbstaufopferung auf feindliche Schiffe stürzen!
Nach unserer Ankunft stellen sich die beiden Staffel-Kapitäne vor und erklären kurz Sinn und Zweck des Unternehmens. Dann besichtigen wir einige Maschinen, die inzwischen in der Werft umgebaut wurden. Auf den Ober- und Unterseiten der Tragflächen sind je zwei Panzerfäuste befestigt, insgesamt also vier Stück. Sie sind mit zwei dünnen Drähten verbunden, die durch die Stoffbespannung der Kabine gesteckt, vor den Sitzen liegen und zum Auslösen dienen. Beim Hochziehen beider Drähte feuern alle vier Panzerfäuste los! Auf der Motorhaube hat man als „Kimme und Korn" Flacheisen aufgeschweißt. Die Panzerfäuste sind so justiert, dass sie auf
80 - 100 m zusammentreffen. An eine sonstige Bewaffnung der Maschine hat man nicht gedacht, sie ist wohl überflüssig. Das ist also die neue Wunderwaffe.

Da die Zeit drängt, soll die Staffel binnen einer Woche einsatzklar sein. Es heißt also, sofort ans Werk zu gehen. Am nächsten Morgen ist Unterricht über taktischen Einsatz und Panzererkennungsdienst - wir hatten noch nie einen feindlichen Panzer gesehen! Um Jagdflugzeugen zu entgehen, sollen die Einsätze in der Morgendämmerung oder nach Sonnenuntergang geflogen werden. Im Tiefstflug sollen wir uns - jeden Wald und jedes Gehöft als Deckung suchend - an einen Panzer heranmachen, gleich zum Angriff ansetzen und in 80 - 100 m Entfernung wenigstens zwei Panzerfäuste abschießen. Danach sofort in einer Steilkurve kehrtmachen, denn sollte ein Panzer in die Luft fliegen, könnte man durch die Wucht der Detonation selbst getroffen werden. Natürlich verspricht man uns auch einen angemessenen Lohn: nach 10 Abschüssen das Ritterkreuz.
Am Nachmittag ist Flugdienst, wobei das Anfliegen des Panzers in Form eines Baumes geübt wird. Gegen 18 Uhr bin ich an der Reihe. Ich starte mit einem Leutnant, als plötzlich in etwa 20 m Höhe der Motor steht. Vor uns in bedrohlicher Nähe der umzäunte Platzrand, dahinter eine Waldschneise mit etwa 1 m hohen Baumstümpfen. Der Leutnant übernimmt sofort das Steuer und nach einem Bodenkontakt der linken Tragfläche kommen wir etwa 10 m vor dem Zaun mit einem gewaltigen Ruck zum Stehen. Nur eine Sekunde später wäre das der sichere Tod gewesen. Der Leutnant hatte das Tanken vergessen!

Am nächsten Morgen stellt unser Hauptmann fest, dass bei 10 Maschinen 21 Flugzeugführer
zur Staffel gehören. Es muss also einer ausscheiden, und da ich als 20jähriger der Jüngste der Gruppe bin, fällt die Wahl auf mich. Nach der ersten Enttäuschung soll sich bald herausstellen, dass das mein Glück war! Ich brauche keinen Dienst zu machen, und als ich einmal eine Maschine auf den in der Nähe liegenden Übungsplatz überführe, liegt dort ein totaler Bruch auf der Wiese. Beim Anflug des Baumes hatten zwei erfahrene Fluglehrer, ein Leutnant und ein Oberfeldwebel, die Maschine nach dem Abschuss überzogen - die Leichen liegen in einer Scheune. War es vielleicht der Leutnant, mit dem ich ein paar Tage vorher beinahe zu Tode gekommen war? Nach wenigen Tagen ist die Staffel kampfbereit, doch weiß ich nicht, ob sie jemals Einsätze geflogen hat. Es wäre ein „Himmelfahrtskommando" gewesen!

Inzwischen stehen die westlichen Streitkräfte kurz vor der Elbe, doch spricht im Fliegerhorst niemand von Verteidigung. Genau eine Woche nach meiner Ankunft in Perleberg gehe ich in den Wald und besorge eine dort abgestellte He 111. Auf der Flugleitung erhalte ich nach meinem Wunsch (!) einen Flugbefehl nach Rostock. Bevor wir mit 5 Flugzeugführern starten können, wird die Maschine mit Kanonen und Maschinengewehren ausgerüstet - doch fehlt leider jede Munition. Nach einem Tiefflug landen wir am Abend in Neustadt-Glewe, wo gerade noch feindliche Mustangs über dem Platz waren und wir anschließend noch ein paar Abschüsse beobachten. Es ist fast noch dunkel, als wir am nächsten Morgen nach Rostock fliegen. Der Flugleiter liegt noch im Bett und wir hören am Radio, dass gerade der letzte, große Ansturm auf Berlin begonnen hat. Rostock-Marienehe ist ein Platz der Heinkel-Werke und wir können hier nicht bleiben. Man schickt uns weiter nach Warnemünde, wo wir am Mittag des 17. April - genau drei Wochen vor Kriegsende - ankommen.

Wir melden uns bei der Horstkompanie und erfahren, dass in Warnemünde gerade zwei Nachtschlacht-Staffeln mit „Bücker 181" aufgestellt werden. Da sind wir ja gerade richtig! Am nächsten Morgen komme ich zum Nachtschlacht-Kommando 1 unter Hauptmann Bachmann. Es ist nicht zu fassen, der Feind sitzt uns unmittelbar im Nacken, aber die Luftwaffe gibt nicht auf. Wir sollen mit der kleinen Sportmaschine in der Nacht Bomben werfen! So hat man zwischen dem Fahrwerk Aufhängevorrichtungen für drei 50 kg Bomben geschaffen, die über einen Knopfdruck am Steuerknüppel elektrisch ausgelöst werden. Wie bei großen Bombenflugzeugen besitzt die Maschine ein Reflexvisier (Revi) zum Anpeilen des Zieles. Die Flugzeugführer sind sämtlich Fluglehrer und kommen von Schulen, die aufgelöst wurden. Ich bin der einzige Gefreite, fliegerisch, dienstgrad- und altersmässig auch hier der Jüngste der Gruppe.
Nach zwei Tagen beginnt das Übungswerfen mit Betonbomben. Am Strand ist als Ziel ein großes, weißes Tuch ausgelegt. Bei einem zusätzlichen Gewicht von 150 kg ist die kleine Bücker völlig überlastet und es dauert sehr lange, Höhe zu gewinnen. Nach Erreichen von 1300 m stürze ich unter 45° bis auf 1000 m - das Ziel immer im „Revi". Dann Abfangen und nach drei Sekunden Auslösen einer Bombe am Druckknopf des Steuerknüppels. Jetzt soll die Bombe im Ziel liegen - theoretisch! Dann geht es noch zweimal auf 1300 m um die restlichen Bomben zu werfen. Es stellt sich heraus, dass alle meine Würfe viel zu kurz liegen. Da die Einsätze ausschließlich in der Nacht geflogen werden sollen, proben wir die Abwürfe auch noch in zwei Nächten. Durch einen Feuerschweif an den Bomben ist der Einschlag genau festzustellen.

Wer sich das nur ausgedacht hat! Wir sollen ohne Funkgerät nachts gegen den Feind fliegen und bei irgendeinem erkennbaren Ziel die Bomben im Sturzflug abwerfen. Das alles als Sportflieger und ohne eine einzige Waffe! Wie aber nach Hause zurückkehren? Dazu wollte man auf dem Flugplatz eine Lampe anmachen - wir mussten sie nur finden. Ein ähnlicher Wahnsinn wie in Perleberg!

Am 28. April ist die Staffel kampfbereit, scharfe Bomben liegen auf dem Platz, doch es kommt
von keiner Seite ein Einsatzbefehl. Zwei Tage später lässt Hauptmann Bachmann am Abend antreten und teilt uns mit, dass die Staffel am nächsten Morgen nach Dänemark verlegt.
Um vier Uhr ist Wecken und wir holen die Maschinen aus den Hallen. Da der Flug über die
Ostsee geht und man sich bei Annäherung an ein Schiff durch eine Leuchtkugel identifizieren muss, empfange ich eine Leuchtpistole, doch die entsprechende Munition ist leider ausgegangen. Wir sind etwa 30 Bücker 181 und drei Siebe1204, die an diesem Morgen des 1. Mai 1945 in Richtung Dänemark starten. Alle unbewaffnet und ein einziger Jäger hätte fette Beute machen können! Schon am Abend vorher hatten zahlreiche Luftnachrichten-Helferinnen von der Sache gehört und uns um Mitnahme gebeten. Leider gibt es für mich keine „Co-Pilotin", als ich gegen 6 Uhr allein starte. Nicht ahnend, dass die Russen nur noch wenige Kilometer entfernt sind, drehe ich in aller Ruhe eine Platzrunde und gehe dann auf Nordkurs. Ziel ist die Südspitze von Falster, wo wir uns nördlich des Hafens Gedser - in Bötö - auf einer großen Wiese treffen sollen. Die Flugzeit ist mit ca. 25 Minuten berechnet. Ich fliege in einer Höhe von etwa 150 m und kann keine unserer Maschinen entdecken. Stattdessen liegen plötzlich zwei Boote auf meinem Kurs, und man schießt mit eine rote Leuchtkugel vor die Nase. Wer bist Du? Jetzt fehlt mir die Erkennungs-Munition, die „Parole" auf See, die alle vier Stunden die Farbe wechselt. Doch fliege ich einfach weiter und sehe plötzlich, wie auf einem der Boote ein MG-Schütze zu schießen beginnt. Sofort reiße ich die Maschine in einer Steilkurve nach rechts. In der geringen Höhe hätte man mich unbedingt herunterholen müssen, doch waren es bestimmt deutsche Boote, die nur Warnschüsse abgegeben und weit genug vorgehalten haben!

Nach wenigen Minuten kommt der Hafen von Gedser in Sicht und ich lande sicher auf der bezeichneten Wiese. Am Vormittag fliegen zwei Siebe1204 noch einmal zurück nach Warnemünde, um weitere Mädchen abzuholen. Jetzt erfahren wir, dass der Platz gegen 11 Uhr gesprengt wurde und der Russe mittags in Warnemünde einmarschierte.

Hauptmann Bachmann hat uns gerettet - und wir sind sicher, dass wir jetzt den Krieg überstanden haben. Am 5. Mai kommt die Meldung, dass die deutschen Streitkräfte in Holland, Nordwestdeutschland und Dänemark kapituliert haben und dass seit 8 Uhr Waffenruhe herrscht. Drei Tage später beginnen wir am 8. Mai den langen Fußmarsch durch Dänemark bis Schleswig-Holstein, wo ich nach einigen Wochen entlassen werde, um am 2. Juli wohlbehalten nach Hause zu kommen.

Es war mein großes Glück, den beiden - wenn auch noch so verrückten - Sonderkommandos „Bücker 181" anzugehören, denn sonst wäre ich mit großer Sicherheit in russische Gefangenschaft geraten und unter Umständen noch im Kampf gefallen. Insofern denke ich noch häufig an die kleine, treue Bücker zurück und frage mich, was wohl aus den 30 Maschinen geworden ist, die wir in Dänemark zurücklassen mussten. Jedenfalls gehörten wir wohl zu den letzten Bücker-Fliegern des Krieges.