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Märkische Allgemeine Zeitung vom 2./3. Oktober 2003

Wer den Abriss will, der ignoriert die Geschichte
Vor 70 Jahren wurde die Bücker-Flugzeugbau GmbH gegründet / Rangsdorf tut sich mit diesem Erbe schwer

SIEGFRIED WIETSTRUK

RANGSDORF • Mehr als zehn Jahre hatte der am 11. Februar 1895 in Ehrenbreitstein geborene Marineflieger des Ersten Weltkrieges inBild vergrössern Schweden verbracht, nachdem er nach Kriegsende zunächst zwei Jahre mit Fischfang auf der Ostsee seinen Lebensunterhalt bestritt. Dann ging Carl Clemens Bücker nach Stockholm und wurde Einflieger der schwedischen Marine, blieb also den Wasserflugzeugen treu.

Als die schwedische Marine ein neues und moderneres Seeflugzeug suchte, stellte er eine Verbindung zum Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel her, dessen Angebot angenommen wurde. Der Versailler Vertrag verbot jedoch die Produktion in Deutschland. So wurden die Einzelteile nach Schweden gebracht und unter C. C. Bückers Leitung montiert. Das geschah in einem neuen Flugzeugwerk, der im September 1921 gegründeten Svenska Aero AB. Der Produktion von Heinkel-Flugzeugen folgten erste Bücker-Konstruktionen, zunächst ein Wasserflugzeug, später auch Landflugzeuge. Ende 1932 verkaufte C. C. Bücker sein Werk und plante ein neues in Deutschland. Für seine Verdienste um die schwedische Flugzeugindustrie erhielt er noch eine Auszeichnung, den Schwert-Ritter-Orden. In diese Zeit fiel auch die Eheschließung von C. C. Bücker mit Hermine Jungbeck am 15. März 1933 in Stockholm.

Als Startschuss des beruflichen Neubeginns in Deutschland ist dann der 3. Oktober 1933 zu betrachten, als in Berlin-Johannisthal die Bücker-Flugzeugbau GmbH gegründet wurde. Anders Johan Andersson, der schon in Schweden für Bücker als Konstrukteur gearbeitet hatte, wurde nun der Chefkonstrukteur des neuen Werkes. Er brachte auch erste Zeichnungen und Berechnungen für ein zweisitziges Schul- und Sportflugzeug mit, das als Bü 131 „Jungmann” zunächst mit einem 80-PS-Reihenmotor und dem Kennzeichen D-3150 bereits am 27. April 1934 zum Erstflug starten konnte.

Die Produktion dieses Doppeldeckers vollzog sich, wie Arthur Benitz, der spätere Chefpilot, sich erinnerte, unter provisorischen Bedingungen im Ambi-Budd-Karosserie-Werk, während die Bild vergrössernEndmontage und Einfliegerei mit ganzen drei Mitarbeitern bei der Firma Autoflug untergebracht war. In seinen Erinnerungen, verfasst etwa ein Jahrzehnt nach Ende des Zweiten Weltkrieges, schrieb
C. C. Bücker über den Erstling in Deutschland: „Dieses Flugzeug, bei dem ich besonders Wert auf gute Flugeigenschaften legte, ist dann ziemlich schnell populär geworden...” Als das Werk Ende 1935 in den neu erbauten Betrieb nach Rangsdorf umzog, „... wurde der Jungmann in Großserie gebaut, und zwar etwa 60 Stück im Monat. Von diesen 60 Stück ging ungefähr die Hälfte ins Ausland und zwar in über 23 Länder. Insgesamt wurden rund 1000 Jungmann-Flugzeuge exportiert.”

Wenn von der Bücker-Produktion in Johannisthal die Rede ist, dann soll auch an die dort wirkende Luise Hoffmann erinnert werden. Sie wurde Deutschlands erste Werkspilotin, flog die neu gebauten Bü 131 ein und führte Bücker-Flugzeuge auch im Ausland vor. Als 1935 der Prototyp des einsitzigen Kunst- und Übungsflugzeuges Bü 133 „Jungmeister” entstand, durfte sie damit zum Erstflug starten. Nach Vorführungsflügen im Herbst 1935 in der Türkei und in Griechenland geriet sie auf dem Heimweg in ein Schlechtwetter, stürzte nach Baumberührung im Nebel ab und erlitt schwere Brandverletzungen, an deren Folgen sie im Alter von 25 Jahren verstarb.

Mit der Anlage des Reichssportflughafens Rangsdorf entstand für die Bücker-Flugzeugbau GmbH auch eine neue Produktionsstätte, die als modernstes Flugzeugwerk jener Zeit galt und zahlreichen Bürgern aus Rangsdorf und der Umgebung Arbeit gab. So wuchs die Belegschaft von 177 Ende 1935 auf 745 Ende 1936 und 980 Ende 1938. Bereits 1936 entstand östlich der Bahn eine erste Bücker-Wohnsiedlung mit 18 Einfamilienhäusern. Bild vergrössernParallel dazu begann der Wohnungsbau am Südkorso, der heutigen Walther-Rathenau-Straße. Hier wurden bis
1939 die so genannte Bücker-Villa, drei zweistöckige Wohnhäuser mit zwölf Angestelltenwohnungen und Reihenhäuser mit insgesamt 37 Wohnungen errichtet. Weitere Wohnungsbauten waren geplant,
wurden durch den Kriegsausbruch aber verhindert. Diejenigen Wohnbauten, die bis 1994 durch eine sowjetische Instandsetzungs-einheit genutzt und danach unter Denkmalschutz gestellt wurden, sind inzwischen in hervorragender Weise rekonstruiert worden und haben neue Mieter gefunden.

Denkmalschutz erhielten auch alle historischen Bauten des Bücker-Werkes, sind sie doch als Ensemble einmalig, weil kein weiteres deutsches Flugzeugwerk baulich so vollständig den Krieg und die Zeit danach überdauerte. In diesen Bauten entstanden Flugzeuge, die Rangsdorf in der ganzen Welt bekannt machten und die heute noch zu den beliebtesten Oldtimern der Luft gehören. Diese Bauten stellen ein erhaltenswertes Beispiel der NS-Industriearchitektur dar und sind von enormer luftfahrthistorischer Bedeutung.

Umso unverständlicher ist es, wenn einem Teil dieser denkmalgeschützten Bauten jetzt der Abriss droht, weil der Eigentümer, zunächst die Bundesrepublik Deutschland und nunmehr seit Jahren das Land Brandenburg, nicht fähig und offensichtlich auch nicht willens war und ist, diese Bauten vor allem vor Vandalismus zu schützen und einer neuen und sinnvollen Nutzung zuzuführen. Wer diese Bauten abreißen will, der ignoriert die so traditionsreiche und keineswegs konfliktlose Geschichte auf diesem Gelände, der will Rangsdorf endgültig zu einer Schlafstadt werden lassen und damit den Weg der letzten Jahre fortsetzen. Noch kann dieser Entwicklung Einhalt geboten werden... zurück

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Anmerkung: weitere Informationen und wichtige Dokumente inklusive einer Presseerklärung des Bückervereins zum Abriss des Bückerwerkes gibt es hier >>>

 
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