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Märkische Allgemeine Zeitung vom 17. Oktober 2004

Dornröschen schläft
Hier starteten Rühmann, Stauffenberg und die Rote Armee. Nun liegt der Rangsdorfer Flugplatz brach.

ALEXANDER ENGELS

Pollen. Ja, Pollen fliegen hier noch. Von den Langgräsern, den Wildgewächsen, den Büschen, den Bäumen. Fliegen und Bienen surren dazwischen; ein paar Vögel darüber. Aber sonst? Sonst fliegt nichts mehr auf dem Flugplatz Rangsdorf. Im Dornröschenschlaf weilt die geschichtsträchtige Riesenlichtung, auf der sich einst Sportflieger, Ingenieure der Bücker-FIugzeugwerke, die Nazi-Luftwaffe und zuletzt die Rote Armee tummelten. An den Rändern sind dichte, wenn auch nichtganz undurchdringliche Hecken und Haine empor gewachsen. Efeu wuchert über graue Fassaden. Blumen brechen Betonplatten auf. Aber wo bleibt der Prinz, um Dornröschen wach zu küssen?
Nur ein Zaunkönig flattert flink vorüber. „Tja, die Natur holt sich alles wieder." Siegfried Wietstruk zieht die Schultern kurz hoch, lässt sie wieder fallen und blickt in den Wald aus Birken, Ahorn und Robinien. Der 74- Jährige ist Chronist dieses verwunschenen Fliegerreiches: "Vor 1990 war das ein Tabu-Thema, sonst wäre ich der Militärspionage verdächtigt worden." Er kennt jedes Haus, jeden Platz. Es ist wie auf einer Sightseeing-Tour. "Links sehen Sie ..., rechts sehen Sie ..." Meist erkennt der Besucher vor lauter Gewächsen kaum etwas. "Hier stand früher die Halle eins", sagt der Lehrer und Doktor für Geschichte. Bäume. Dschungel. Wo? Knut Hentzschel, Vorsitzender des Fördervereins Bücker-Museum, springt zur Seite: "Direkt vor Ihnen. Sehen Sie die Stahlbalken, die dort aus dem Boden kommen?" Ja, jetzt. Die stählernen Bodenstreben wölben sich wie dicke schwarze Wurzeln aus dem Dickicht. Reste einer abgerissenen Flugzeughalle. "Sie schloss an den Tower an", führt Wietstruk weiter.

Blick vom Tower in dichte Baumkronen
Schemenhaft scheinen Hausumrisse durchs Grün. Zum Eingang geht es im gebückten Slalom um die Bäume. Ein Stuhlgestell rostet rücklings im Laub vor sich hin. Scherben von Fensterglas knacken unter den Schuhen. Der Tower ist eine Ruine: bröckelnder Putz, dunkle Fensterhöhlen, Flecken von Grünspan. "Aber das Mauerwerk ist noch gut“, findet Hentzschel - ein Hoffnungsfunke stiebt in den Augen des 42-Jährigen. Drinnen ist der PVC-Boden mit Staub und Splittern bedeckt - zumindest dort, wo keine Schränke oder Tische herumliegen. überall Spuren vom
Die-Russen-sind-weg-Vandalismus. Die beiden Männer schauen durch zerstobene Towerfenster auf eine Blätter- wand. "Von hier aus konnte man mal über das ganze Flugfeld blicken", sagt Hentzschel. Kopfschütteln. Das Pisten-Panorama gibt es nur noch ein Stück weiter bei den denkmalgeschützten Bücker-Werken. Auf den hängenden Tapetenbahnen steht kyrillische Schrift. "Krasnaja Swesda" - "Roter Stern", eine sowjetische Militärzeitung. "Die Towarisch haben sie unter die Tapeten geklebt" , stellt Wietstruk fest. Die "Towarisch", sagt er, die "Genossen" des Nachrichtenregiments und der Instandsetzungseinheit der 16. Luftwaffe der einstigen Sowjetunion zogen im Frühsommer 1994 ab. Mit gut 50 Jahren Anwesenheit prägten sie den Flugplatz am längsten.

Sie richteten sich ein, rissen die großen Hallen nieder, bauten Unterkünfte, Garagen und einen Bunker. Mit Mauem und Stacheldrahtzäunen schirmten sie sich vor den Rangsdorfern ab. Private Kontakte mit Zivilisten waren allenfalls den Offizieren erlaubt. Ausnahmen waren selten. Mal kamen Delegationen zu Staatsfeiern. Mal spielte eine Militärkapelle auf Festen. Mal gab es gemeinsame Sportturniere. Sonst hörten die Einwohner nur Soldatengesang und zu ihrem Ärger den Lärm, wenn Hubschrauber-Triebwerke gewartet wurden.
Bedeutungsvolle Geschichte hatte der Flugplatz in seinen früheren Jahren geschrieben. Am Morgen des 20. Juli 1944 schritten Stiefel über den Rasen des Rollfeldes, deren Träger viel vorhatte. Wehrmachtsuniform, Aktentasche, Augenklappe. Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg war auf dem Weg zur Wolfsschanze, jenem Führerbunker in Ostpreußen, wo er Adolf Hitler mit einer Bombe töten wollte. Gegen 7 Uhr startete die HeinkeI He 111 in Richtung Osten, um 15.15 Uhr brachte sie Stauffenberg zurück. Er wusste nicht, dass das Attentat gescheitert war. Noch am seIben Abend wurde er standrechtlich erschossen.
60 Jahre später drängen sich die Gedenkfeiern für die Widerständler. In Rangsdorf ist amJahrestag des Attentats in Anwesenheit von Stauffenberg-Sohn Berthold ein Gedenkstein am neuen Privatgymnasium enthüllt worden, dem ehemaligen Aero-Club. Den schmucken Bau ließ sich der Sportflieger-Verein 1936 am Südostufer des Rangsdorfer Sees errichten. Die Säulengang-Terrasse war beliebt, um Wasserflugzeuge zu beobachten. Oder den ersten flug- und lenkfähigen Hubschrauber der Welt, den F 61, den Konstrukteur Heinrich Focke am 24. Juni 1938 hier vor Fachpublikum präsentierte.
Beim Aero-Club hatten Privatleute ihre Flugzeuge stehen. Zum Beispiel die "Motte" von Schauspieler Heinz Rühmann alias "Quax, der Bruchpilot". Er ist auf mehreren Fotos in Wietstruks dickem Ordner zu sehen. "Und auch diese Frau hat hier fliegen gelernt", sagt der Heimat-Chronist. Ein Schwarzweiß-Bild mit einer jungen, blonden, kess grinsenden Frau, gehüllt in einen langen Ledermantel. "Beate Köstlin" steht da. Sie heiratete ihren Fluglehrer und beschäftigte sich bis zu ihrem Tod mit Lederbekleidung - als Sex-Versandchefin Beate Uhse.
Anno 1935 hatte Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium den Flugplatz anlegen lassen. Offiziell war er mitsamt der Fliegerschule für die Sportfliegerei bestimmt. Die Aufrüstungspläne der Nationalsozialisten dachten ihm aber eine militärische Zukunft zu. Hinzu kam ein Neubau für die Bücker-Flugzeugwerke, die Schul- und Verbindungsmaschinen für die Luftwaffe bauten. Außerdem ging es ums Prestige. Rangsdorf sollte Austragungsort der Kunstflugwettbewerbe bei der Olympiade 1936 sein. Man baute in Höchstgeschwindigkeit mit bis zu 1200 Arbeitern. Im August, während der selbstbeweihräuchernden Nazi-Spiele, stiegen mehrere hundert Sportflieger, Doppeldecker und Segelflugzeuge in den Rangsdorfer Himmel auf.
Alte Fotos zeigen endlose Reihen von Flügeln auf der Piste vor den Hangars. Viele Flugschauen gab es. Ihnen folgten die sowjetischen Hubschrauber. Doch kaum warer die Russen weg, entschied die Gemeindevertretung einstimmig: "Die Fortführung der Nutzung des Flugplatzes für Luftfahrzeuge wird abgelehnt." Flugangst auf Bodenhöhe. Den Lärm der Motoren und ständig Maschinen über den Dächern wollen viele Rangsdorfer bis heute nicht, wie Bürgermeister Klaus Rocher weiß: " Wir haben andere Vorstellungen für Teile des Geländes." Im seewärtigen Bereich laufen beispielsweise Abrissarbeiten und Kanalsanierungen für neue Eigenheime.

Eine Bürgerinitiative macht mobil
So blitzte vor vier Jahren ein Vorhaben des Auto-Restaurators Rosenow und der polnischen Firma Historical Aircraft Services, die alte Bücker-Maschinen nachbaut, ab. "Sie hätten mindestens eineinhalb Hallen genutzt", berichtet Knut Hentzschel, dessen Bücker-Verein sich für den Erhalt der historischen Flugzeugwerke einsetzt. Aber eine Bürgerinitiative machte die Gemeindevertreter erfolgreich dagegen mobil. Die Polen blieben in Polen.
Trotzdem wäre es allen am liebsten, wenn sich Unternehmen auf dem Flugplatz ansiedeln würden. "Wir bieten die Fläche wie Sauerbier an, aber es gibt keine Nachfrage", sagt Reinhard Weise, Vermarkter bei der landeseigenen Brandenburgischen Bodengesellschaft (BBG) als Grundeigentümerin. Hohe Kosten für Erschließung und Sanierung, die eingezwängte Lage zwischen See, Ort und Bahn sowie der Denkmalschutz schrecken Investoren ab. Die BBG wollte daher das Gelände häppchenweise als Gewerbegebiet herrichten und alte Flugzeughallen abreißen. Der Bücker-Verein lief Sturm dagegen. Die Denkmalschutzbehörde des Landkreises gab ihm Recht und beharrte auf dem Erhalt des Ensembles.
Also bleibt es ruhig auf dem Rollfeld. Dornröschen schläft weiter. Bis ein Prinz - vielleicht vom ausgebauten Flughafen Schönefeld - kommt und sie mit ein paar Millionen Euro wachkaufen kann.

Fotos: MAZ/Alexander Engels / Sammlung Wietsruk

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