INDEX
NEUES
PRESSE
MUSEUM
GESCHICHTE
MODELLBAU
   

>> Presseartikel <<

Märkische Allgemeine Zeitung vom 18./19. Juni 2005

Es gab gute Menschen und Schweinehunde

Berl Kostinski war Zwangsarbeiter in den Rangsdorfer Bücker-Flugzeugwerken – jetzt stattete er dem Ort einen Besuch ab

URSULA CZERLINSKI

RANGSDORF, 1943: Zur Beerdigung des ertrunkenen 19-jährigen Timofej Mikitenko, kamen 400 Menschen. Er wurde nicht auf dem Friedhof bestattet, sondern in einer Grube daneben, nur dort war es erlaubt. Der Pfarrer betete auf der Friedhofsseite - Mikitenko war Zwangsarbeiter bei den Rangsdorfer Bücker-F1ugzeugwerken. Berl (Boris) Kostinski, 1920 in der Ukraine geboren und damals der Grabredner, erinnert sich genau. „Es hat ihn sehr berührt, wieder hier zu sein“, erzählt Klaus Lewandowski vom Bücker-Verein über den kürzlich stattgefundenen Besuch von Berl Kostinski. Seine Frau und der Dokumentarfilmer Jörg Kolbenschlag, der einen Film über Zwangsarbeiter dreht, begleiteten ihn.

Berl Kostinski kam 1941 verwundet in deutsche Gefangenschaft und gab sich - deutsch sprechend, aber Jude – als Volksdeutscher aus. Von 1942 bis 1944 arbeitete er bei Bücker als Dolmetscher. Das Werk fertigte ab 1941 Tragflächen für den Sturzkampfbomber Ju 87, Teile für das Jagdflugzeug Focke-Wulf 190 und die Henschel-Gleitbombe.

Bis 1942 waren es italienische Arbeiter, dann mussten französische und russische Kriegsgefangene in der Produktion helfen. Die ersten zivilen Zwangsarbeiter kamen im Frühjahr 1942 aus den besetzten Gebieten der Ukraine - 16 bis 25 Jahre alt. Ende 1942 waren, so Kostinski, 429 Ostarbeiter im Lager, auch Schwangere. Bis 1945 wurden 27 Kinder geboren. Mit dem letzten Transport 1943 stieg die Zahl auf 500 an. Berl Kostinski schildert in seinem Buch „Der bittere Kelch meines Leidens“ die Situation im „Ostarbeiterlager“: viel Arbeit, wenig Essen, begrenzte ärztliche Versorgung, dazu ein brutaler Lagerleiter, schlechte Arbeitssicherheit und blutbefleckte Winterkleider mit Einschusslöchern aus der Kleidersammlung.

Klaus Lewandowski, damals ein Kind, erinnert sich, dass Ostarbeiter, die sonntags bei Bauern arbeiteten, mitgebrachte Kartoffeln am Zaun seiner Eltern versteckten: „Meine Mutter sagte, lass es liegen, und hat Brot und ein Stück Margarine dazugetan.“ Deutsche Arbeiter reichten die Sachen weiter. „Es gab gute Menschen bei Bücker und Schweinehunde“, sagt Kostinski. Carl Clemens Bücker soll das Lager nur zwei Mal besucht haben. „Ich war der Ansicht, dass gerade er mehr Fürsorge für diejenigen leisten musste, von deren Arbeit er profitierte“, so Kostinski.

Bild vergrössernAls er jetzt an der Grabstelle stand gab ihm Friedhofsverwalter Michael Krüger das Grabschild von Mikitenko aus Bücker-Blech von Kostinski beschriftet. Ein Foto des Schildes bringt Kostinski in die Ukraine, das Original kommt ins Bücker-Museum. „Ich danke euch, dass ihr uns nicht vergessen habt“, sagte der 85-Jährige, der 1949 in die Ukraine zurückkehrte, dort von 1951 bis 1956 in Haft war, 1987 rehabilitiert wurde und nun in Bonn lebt.

zurück

 
  nach oben     HOME KONTAKT SERVICE IMPRESSUM GÄSTEBUCH